Aus der Praxis – Wenn Zahnbehandlungen mehr schaden als helfen

Pferde zeigen Schmerzen oft lange nicht deutlich. Sie fressen, laufen und „funktionieren“ – obwohl im Maul bereits massive Probleme bestehen.

Umso wichtiger ist eine fachgerechte Zahnbehandlung.
Denn leider erlebe ich immer wieder Fälle, in denen Behandlungen nicht helfen – sondern neue Probleme verursachen oder bestehende verschlimmern.

Die folgenden Beispiele stammen aus meiner Praxis oder wurden mir von Pferdebesitzern geschildert.

👉 Sie sollen nicht verunsichern – sondern sensibilisieren.

(Alle Fälle wurden anonymisiert.)

 

Pfridolin (www.pferdefluesterei.de):
„Wir Pferde sind keine Sportgeräte, sondern Lebewesen mit einer Seele, mit Bedürfnissen und sozialen Strukturen. Wir zeigen es oft auch nicht, wenn wir Schmerzen haben. Wenn ich meinem Menschen (aus Versehen!) mal auf den Fuß trete, muss dieser immer gleich sterben. So sind wir nicht. Da muss man als Mensch auch mal sensibel sein und genau hingucken.“

 

⚠️ Wenn Behandlungen mehr schaden als helfen

🐴 Fall 1: Blut, Brandgeruch und ein zischendes Maul

Eine 10-jährige Warmblutstute wurde von einem anderen Behandler unter Sedierung behandelt.
Die Besitzerin berichtete von starken Blutungen, zunehmendem Geruch nach verbranntem Gewebe und einem deutlichen Zischen beim Ausspülen des Mauls.

👉 Das lässt auf massive Gewebeschädigungen im Maul schließen.

Wichtig:
Diese Behandlung wurde nicht von mir durchgeführt, sondern mir im Nachhinein geschildert.

Einordnung:
Natürlich gibt es in der Zahnmedizin notwendige Eingriffe – z. B. Zahnextraktionen –, bei denen Gewebe gezielt verletzt wird. Blutungen sind dabei nicht zu vermeiden und Teil der Behandlung.

👉 Entscheidend ist jedoch:
Solche Eingriffe erfolgen kontrolliert und medizinisch begründet.

Die geschilderten Umstände deuten dagegen auf eine übermäßige oder unsachgemäße Belastung des Gewebes hin.

Fazit:
Eine Zahnbehandlung sollte immer so schonend wie möglich erfolgen – notwendige Eingriffe ja, unnötige oder vermeidbare Schädigungen nein.

 

🐴 Fall 2: Danach konnte er nicht mehr kauen

Ein 20-jähriger Wallach fraß vor einer Behandlung durch einen anderen Behandler völlig normal.
Nach einer maschinellen Bearbeitung konnte er plötzlich kaum noch kauen: Futter fiel aus dem Maul, sogenannte „Heuröllchen“ entstanden, und Körner wurden unverdaut ausgeschieden.

Bei meiner späteren Untersuchung zeigte sich ein massiv gestörtes Gleichgewicht der Zahnflächen.

👉 Das Pferd konnte das Futter nicht mehr korrekt zermahlen.

👉 Ein einmal gestörtes Gleichgewicht der Zähne wiederherzustellen, ist deutlich aufwändiger als es aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Fazit:
Eine Zahnbehandlung muss die Kaufunktion verbessern – nicht verschlechtern.

 

🐴 Fall 3: Milchzahnproblem falsch behandelt

Ein 2,5-jähriger Kaltblutwallach hatte Probleme beim Fressen.
Zuvor war bereits maschinell eingegriffen worden.

Bei meiner Untersuchung zeigte sich:
👉 Es handelte sich um typische Probleme im Zahnwechsel – in diesem Fall festsitzende Milchzahnkappen.

👉 Solche Befunde lassen sich mit Erfahrung im Zahnwechsel eindeutig einordnen und meist ganz einfach durch das Entfernen der Kappen beheben.

Fazit:
Gerade bei jungen Pferden braucht es Erfahrung – nicht jede Auffälligkeit muss behandelt werden.

 

🐴 Fall 4: Angebliche Katastrophe – tatsächlich deutlich weniger dramatisch

Ein 19-jähriger Ponyhengst sollte laut vorheriger Einschätzung eines anderen Behandlers dringend sediert und sehr umfangreich behandelt werden.
Sogar eine massive Kürzung der Schneidezähne wurde empfohlen.

Die Besitzerin entschied sich dagegen und beauftragte mich.

👉 In zwei ruhigen Sitzungen ließ sich das Pferd ohne Sedierung behandeln.
Die Schneidezähne waren physiologisch unauffällig.

👉 Eine Behandlung war durchaus notwendig – jedoch nicht in dem angekündigten Umfang.

Fazit:
Nicht jede als „umfangreich und dringend“ dargestellte Behandlung ist in dieser Form tatsächlich erforderlich.

 

🔍 Übersehene oder unterschätzte Zahnprobleme

🐴 Fall 5: „Er hatte doch nie Probleme“

Ein 20-jähriger Wallach wurde von mir erstmals untersucht, nachdem er das Gebiss schlechter annahm.

👉 Schon beim ersten Abtasten fiel mir eine deutliche Auffälligkeit im Bereich der Backenzähne auf.

Bei der weiteren Untersuchung zeigte sich ein massiver Haken am ersten oberen Backenzahn (fachlich: zweiter Vorbackenzahn).

👉 Dieser war bereits so lang, dass er kurz davor stand, gegenüber ins Zahnfleisch zu drücken.

Fazit:
Unauffälliges Verhalten schließt Zahnprobleme nicht aus.

 

🐴 Fall 6: Spiegelglatte Zähne

Ein 24-jähriger Wallach war kurz zuvor von einem anderen Behandler behandelt worden.

Bei meiner Untersuchung stellte ich fest:
👉 Die Kauflächen waren so stark geglättet, dass die notwendige Reibung für das Zermahlen des Futters fehlte.

Wichtig:
Pferdezähne funktionieren ähnlich wie Mühlsteine – sie müssen eine gewisse Rauigkeit besitzen, um das Futter effektiv zu zerkleinern.

👉 Oder, wie ich es gerne sage:
„Das sind Zähne, keine Sofakissen!“

Fazit:
Zähne müssen funktional sein – nicht „perfekt glatt“.

 

🐴 Fall 7: Wochenlang unreitbar nach der Behandlung

Eine Stute war nach einer Behandlung durch einen anderen Behandler über längere Zeit lahm und unreitbar.

Mögliche Ursachen:

  • starke Veränderung des Gleichgewichts im Maul
  • langes Aufsperren des Mauls
  • ungünstige Fixierung des Kopfes unter Sedierung

👉 Veränderungen im Gebiss können sich direkt auf Statik, Muskulatur und Bewegungsablauf auswirken.

Fazit:
Das Maul beeinflusst den gesamten Körper.

 

🐴 Fall 8: EOTRH – lange nicht erkannt

Mehrere Pferde wurden mir vorgestellt, nachdem vorherige Einschätzungen die Problematik verharmlost hatten.

Bei meiner Untersuchung bzw. nachfolgender tierärztlicher Abklärung bestätigte sich:
👉 fortgeschrittene EOTRH (eine schmerzhafte Erkrankung der Schneidezähne).

👉 Besonders tückisch:
Viele dieser Pferde wirkten äußerlich gesund und fraßen scheinbar normal.

👉 „Nur weil ein Pferd noch frisst, heißt das nicht, dass es keine Schmerzen hat.“

Fazit:
Auch unauffällige Pferde können massive Zahnprobleme haben.

 

🧠 Missverständnisse rund um Verhalten und Behandlung

🐴 Fall 9: „Der ist beim Zahnarzt ein Killer“

Viele Pferde werden mir mit dieser Aussage vorgestellt.

In der Praxis zeigt sich häufig:
👉 Mit Ruhe, Geduld und pferdegerechtem Umgang lassen sie sich gut behandeln.

👉 „Die meisten Pferde sind nicht schwierig – sie haben nur gelernt, sich zu wehren.“

Fazit:
Verhalten ist oft ein Ergebnis früherer Erfahrungen.

 

🐴 Fall 10: „Das ist doch nur ein Shetty“

Mehrfach wurde mir berichtet, dass Shettys oder Minishettys von anderen Behandlern nicht oder nur unzureichend behandelt wurden.

👉 Teilweise sogar mit Aussagen wie:
„Ja und, ist doch bloß ein Shetty!“

👉 Begründungen waren fehlendes Equipment oder mangelnde Priorität.

Fazit:
Zahnprobleme sind unabhängig von Größe oder Rasse – jedes Pferd verdient die gleiche Sorgfalt.

 

💡 Was mir bei Zahnbehandlungen wichtig ist

  • Gründlichkeit statt Aktionismus
  • Funktion statt „optischer Perfektion“
  • Ruhe und Geduld
  • ehrliche Einschätzung
  • individuelle Betrachtung jedes Pferdes

👉 Pferdezähne wachsen etwa bis zum 7. Lebensjahr.
Das Zahnmaterial, das sich bis dahin gebildet hat, muss für den Rest des Lebens reichen.

👉 Danach schieben die Zähne ein Leben lang aus dem Kiefer heraus – bei alten Pferden deutlich langsamer, bis sie schließlich keinen Halt mehr haben.

👉 Oder, wie ich es gerne sage:
„Pferdezähne wachsen nur von Decksprung bis S-Dressur!“

👉 Genau deshalb ist ein schonender Umgang mit der Zahnsubstanz so wichtig.

👉 Mein Anspruch ist nicht, möglichst viel zu „machen“, sondern das Richtige – zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Maß.

 

🎯 Mein Anspruch

Ich möchte Pferden helfen – nicht sie zusätzlich belasten.

Deshalb arbeite ich:

  • schonend
  • pferdegerecht
  • mit Erfahrung und Augenmaß

Und ich sage klar, wenn eine tierärztliche Abklärung (z. B. Röntgen oder Sedierung) notwendig ist.

 

📞 Unsicher, ob Ihr Pferd Zahnprobleme hat?

Viele Probleme erkennt man erst auf den zweiten Blick.

👉 Lassen Sie die Zähne regelmäßig kontrollieren – im Zweifel lieber einmal zu früh als zu spät.

👉 Auch wenn Sie ein ganz anderes, vielleicht ungewöhnliches Phänomen bei Ihrem Pferd beobachten:
Sprechen Sie mich gerne an. Oft steckt hinter scheinbar „untypischen“ Auffälligkeiten doch ein Zahnproblem.